Need for Speed: Heat im Test


Need for Speed: Heat im Test

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Zusammenfassung: Am 8. November beglückten uns Publisher Electronic Arts und Entwickler Ghost Games mit einem neuen Ableger der Need-for-Speed-Reihe. Ob NfS Heat die alteingesessene Racingserie zurück auf Podiumskurs bringt oder vielleicht doch eher endgültig gegen die Wand fährt, erfahrt ihr in unserem Test.

Inhaltsverzeichnis

Ein alter Klassiker, neu aufgelegt

Fällt der Name Need for Speed, schaltet sich in meinem Kopf fast wie automatisch ein imaginärer Filmprojektor an, der in Sepiatönen das immer gleiche Band abspielt: Ich rase mit meinem grünen Nissan 350Z durch die nächtlichen Straßen von Bayview, zünde auf Knopfdruck die Lachgaseinspritzung und während ich im Vollspeed um die Kurve drifte, stimmt das Radio gerade die ersten Takte von "Riders on the Storm" an. Es sind Bilder aus dem mittlerweile fast 15 Jahre alten NfS Underground 2, das in meinen Augen – aber auch in deren vieler Franchise-Fans – noch immer zu den besten Teilen der Reihe gehört.

Leider hat mich die Rennserie aus dem Hause Electronic Arts seither nicht mehr richtig packen können. Zuletzt schien sie eher in der Identitätskrise zu stecken und nicht mehr wirklich zu wissen, wofür sie denn überhaupt steht. Seriöse Rennsimulation? Actiongeladenes Katz-und-Maus-Spiel? Lootbox-Festival? Im neuesten Ableger Need for Speed: Heat (jetzt für 57,81 € kaufen), das am 8. November für PC, PS4 und Xbox One erschienen ist, herrscht nun endlich wieder Klarheit: Zurück zu den Wurzeln soll es gehen. Entsprechend erwarten euch erneut fett getunte Karren, spektakuläre Rennen und verrückte Verfolgungsjagden. Selbst Bayview feiert ein Comeback! Klingt eigentlich fast zu schön, um wahr zu sein. Wir haben den Arcade-Racer daher mal auf den Prüfstand gestellt und geschaut, was er tatsächlich unter der Haube hat.

Palmen, Meer und jede Menge PS

Eines direkt vorneweg: Mit der Rückkehr von Bayview haben wir vielleicht ein wenig geflunkert. Der Schauplatz von Need for Speed: Underground 2 wurde natürlich nicht wiederverwertet. Stattdessen taucht er lediglich noch einmal namentlich auf – als Stadtteil von Palm City, der neuen Spielwelt von NfS: Heat. Die ist an den US-Bundesstaat Florida angelehnt und bietet entsprechend eine interessante Mixtur aus Palmen und Strand, die von einer glitzernden Skyline aus Stahl und Glas eingefasst wird. Abseits der schillernden Lichter der Stadt erwarten euch dann noch ländliche Abschnitte mit Sümpfen, Steinbrüchen und kurvigen Bergpassagen.

Die dürft ihr alle frei befahren und – je nachdem, für welchen Modus ihr euch entscheidet – auch mit anderen Spielern teilen. Im Online-Modus sind bis zu 16 Fahrer gleichzeitig in der Shared-Open-World unterwegs, können sich gegenseitig zu Rennen einladen oder einfach nur zusammen die Stadt unsicher machen. Ihr habt aber auch genauso gut die Möglichkeit, solo oder gar komplett offline auf Spritztour zu gehen. Dann geht euch auch niemand auf die Nerven, wenn ihr die Story von Need for Speed: Heat erleben wollt.

In deren Fokus steht der Speedhunters Showdown, ein großangelegtes Racing-Event, das jährlich in Palm City stattfindet und ein wenig an das Horizon-Festival aus der gleichnamigen Forza-Reihe erinnert. In dessen Rahmen messen sich dutzende Autofreaks in organisierten Rennveranstaltungen und fechten untereinander aus, wer denn den heißesten Reifen fährt. Bei der lustigen PS-Protzerei wollt ihr natürlich auch mitmischen und startet daher mit einem frei wähl- und anpassbaren Charakter eure Rennkarriere. Hilfe bekommt ihr dabei von dem ungleichen Geschwisterpaar Ana und Lucas Rivera, das euch nicht nur ein Auto und eine Couch zur Verfügung stellt, sondern auch in die nächtliche illegale Rennszene einführt.

Wenn hinter euch das Blaulicht angeht

Die entpuppt sich allerdings recht schnell als ein ziemlich hartes Pflaster. Denn zum einen müsst ihr euch dort gegen rivalisierende Crews beweisen, zum anderen auch noch gegen die örtliche Polizei zur Wehr setzen, die mit einer eigenen Spezialeinheit gegen Verkehrsrowdys vorgeht. Unter dem Regiment von Lt. Frank Mercer (gesprochen von der deutschen Stimme von Dr. Cox aus Scrubs) greift der Arm des Gesetzes dabei hart durch. Gewalt und Erpressung gehören für das Palm City Police Department zur Tagesordnung – bis ihr euch den fiesen Machenschaften entgegenstellt.

Dieser Konflikt mit der Obrigkeit trägt über etwa zehn bis zwölf Spielstunden. Insgesamt ist die Story aber übertrieben hip inszeniert und erzählerisch nur wenig anspruchsvoll. Dafür setzt sie euch immerhin ein paar interessante Aufgaben vor. Mal sollt ihr unauffällig einen Wagen verfolgen, mal in Burnout-Manier das Autos eines Gegners demolieren. Hauptsächlich seid ihr aber natürlich damit beschäftigt, Rennen zu fahren.

Von denen gibt es entsprechend natürlich einige, wobei der Clou darin liegt, dass euch je nach Tageszeit andere Herausforderungen erwarten: Tagsüber seid ihr meist auf abgesperrten Rundkursen unterwegs. Im späteren Spielverlauf schaltet ihr durch sogenannte "Racing-Storys" auch noch neue Eventtypen frei, in denen ihr über Drift- oder Offroadpisten donnert. Nachts versucht ihr unterdessen, in Sprints möglichst schnell von Wegpunkt zu Wegpunkt zu kommen und dabei dem Gegenverkehr und anderen Hindernissen auszuweichen.

In der Hitze der Nacht

Dieser Kontrast sorgt nicht nur für spielerische Abwechslung, er bietet auch die Basis für ein ausgeklügeltes Fortschrittssystem: Während die offiziellen Rennen dicke Preisgelder bringen, mit denen ihr neue Teile und Karren kauft, bekommt ihr nachts Rufpunkte, mit denen ihr diese überhaupt erst freischaltet. Zentrales, namengebendes Spielelement ist dabei das Heat-Meter, das sich wohl am besten mit dem Fahndungslevel aus Grand Theft Auto vergleichen lässt. Rast ihr zu schnell durch die Gegend oder seid etwas zu zerstörerisch unterwegs, werden die Cops auf euch aufmerksam und versuchen, euch aus dem Verkehr zu ziehen. Je länger ihr euch dabei der Verhaftung widersetzt, desto höher steigt euer Heat-Level – und desto größere Geschütze fahren eure Widersacher auf. Bekommt ihr es auf Stufe 1 noch mit normalen Streifenwagen zu tun, folgen später getunte Corvettes und bei Stufe 5 schließlich die sogenannten "Rhinos". Das sind gepanzerte Busse, deren einziges Ziel es ist, mit möglichst viel Tempo in euer Auto zu krachen und es so fahrunfähig zu machen.

In Need for Speed: Heat verfügt euer fahrbarer Untersatz nun nämlich über eine Schadensleiste. Ist die leer, werdet ihr geschnappt und all eure nachts verdienten Belohnungen sind futsch. Schafft ihr es hingegen, trotz hoher Heat-Stufe zu entkommen, winken euch fette Boni auf erspielte Rufpunkte sowie eine Einladung zu den exklusiven High-Heat-Events, in denen ihr besonders hochwertige Teile gewinnen könnt. So ergibt sich ein spannendes Risk-and-Reward-Spielchen. Zumal sich die Polizei wirklich hartnäckig zeigt und ihr dazu noch ohne Verfolgungsstopper wie in Need for Speed: Most Wanted auskommen müsst. Ihr könnt eure Widersacher also nicht einfach mal mit einem gigantischen Donut erschlagen. Stattdessen gilt es, mit trickreichen Drehungen, Querfeldeinfahrten oder Nitro-Unterstützung davonziehen.

Was unter der Haube schlummert

Das geht natürlich am einfachsten, wenn man ordentlich PS unter der Haube hat. Entsprechend bietet euch Need for Speed: Heat 127 Autos von 33 verschiedenen Herstellern, die ihr natürlich ausgiebig aufmotzen dürft. In eurer Garage stehen euch dafür zahlreiche optische Spielereien sowie sogenannte Hilfs-Items zur Verfügung. Das sind Reparaturkits oder Radarstörer, die euch in Duellen mit der Polizei einen Vorteil bringen. Am wichtigsten sind aber die drei Leistungskategorien Motor, Chassis und Antrieb, die verschiedene Auswirkungen auf das Fahrverhalten eurer Boliden haben. Pimpt ihr etwa eure Maschine mit einem Turbolader oder tauscht sie gegen eine Version mit mehr Hubraum aus, seid ihr schneller unterwegs. Punkte wie Fahrwerk, Reifen oder Differential beeinflussen indes das Handling eures Wagens.

Je nachdem, welche Teile ihr verbaut, ist euer Schlitten mehr für Straße, Rennstrecke, Offroad oder Driftparkour geeignet und performt dann auch nur dort. Wer etwa Slicks aufzieht, wird im Matsch nicht allzu weit kommen. Wer seinen Wagen voll aufs Driften auslegt, wird Probleme haben, ihn auf der Straße zu halten. Im Normalfall sind die Wagen in Need for Speed: Heat aber recht einfach zu kontrollieren und verlangen euch nicht allzu fortgeschrittene Fahrkünste ab. Man könnte quasi sagen, die Steuerung ist übertrieben einsteigerfreundlich. Autos brechen nur selten aus und werden meist mit so viel Druck auf die Straße gepresst, dass ihr selbst mit 250 Sachen noch problemlos dem Gegenverkehr ausweichen könnt, ohne euch Sorgen machen zu müssen, dass sich euer Heck verabschiedet. Ähnlich simpel gestaltet sich auch das Driften: Tippt einfach kurz das Gaspedal an und schon schlittert ihr elegant um die Ecke. Und spart dabei sogar noch ordentlich Zeit! Wagen lenken bei höherem Tempo nämlich nur schwer ein, sodass ihr hart abbremsen müsst, bevor ihr eine Kurve nehmen könnt.

Übermäßig schwierig ist Need for Speed: Heat ohnehin nicht. Wer eine Herausforderung sucht, sollte am besten direkt auf dem höchsten der drei Schwierigkeitsgrade anfangen. Doch selbst dann kommt es vor, dass ihr der Konkurrenz relativ problemlos davonfahrt – ganz einfach, weil euer Wagen deutlich überlegen oder die KI deutlich unterlegen ist. Computergesteuerte Fahrer leisten euch kaum Widerstand, lauern nicht im Windschatten und weichen auch nicht von der Ideallinie ab, um euch ein Überholmanöver zu erschweren. Stattdessen halten sie sich in Kopf-an-Kopf-Duellen schon mal so weit am Streckenrand auf, dass sie in die Absperrung krachen. Immerhin scheint es in Heat keinen Gummibandeffekt zu geben. Ein wenig mehr Spannung, Herausforderung und Abwechslung hätten wir uns in den Rennen aber schon gewünscht.

Was für's Auge – Top Grafik

Grafisch gibt es dafür so gut wie nichts zu meckern. Palm City sieht dank der Power der Frostbite Engine richtig gut aus, besonders die Umgebungszerstörung, aber auch die Licht- und Spiegeleffekte sind den Entwicklern wirklich gelungen. Wenn im Spiel plötzlich ein Unwetter aufzieht, Tropfen den Metallic-Lack eures Autos hinunterlaufen und sich eure Scheinwerfer in den Pfützen auf dem Asphalt spiegeln, macht das ordentlich Eindruck. Zumal der Titel dabei stets flüssig und ruckelfrei läuft. Klar, auf der Konsole entdeckt ihr vereinzelte Pop-ins und gerade bei Gebäuden im Hintergrund werden Texturen mal etwas verspätet nachgeladen. Das lässt sich aber verschmerzen – ebenso wie die mittlerweile omnipräsenten Sammelgegenstände. Denn selbst, wenn das Zerstören von 100 Plastikflamingos sinnbefreite Beschäftigungstherapie bleibt, es winkt euch dafür wenigstes ein schicker Porsche. Und mit dem Hochleveln auf Maximalrang 50, dem Wiederholen alter Events auf höherer Schwierigkeitsstufe oder dem Meistern von Tagesherausforderungen gibt es ja immer noch genügend andere Aktivitäten. Ganz zu schweigen vom Crew-Feature, durch das ihr euch mit bis zu 31 anderen Fahrern zusammenschließen könnt, um gemeinsam Boni freizuschalten oder in Time-Trials gegeneinander zu fahren.

Alles super in Need for Speed: Heat also? Jein, denn ein paar Fragen bleiben am Ende immer noch ungeklärt: Warum sind in der Spielwelt etwa so wenige andere Autos und gar keine Passanten unterwegs? Wieso nehmen eure Rennboliden, abgesehen von ein paar Kratzern und kaputten Scheiben, keinen Schaden? Und weshalb ist der Soundtrack so House- und Hip-Hop-lastig? Auch das Thema Mikrotransaktionen lässt uns noch keine Ruhe. Zwar gaben die Entwickler bereits an, es werde keine Lootboxen geben. Es bleibt aber abzuwarten, ob es wirklich nur bei bezahlpflichtigen Post-Launch-Inhalten in Form von Car Packs bleiben wird. Bei Electronic Arts weiß man ja nie so genau …


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